„Darf ich dich bekannt machen mit Dr. Rosenberg“, stieß Adi hervor. „Dr. Rosenberg ist Facharzt für Geburtshilfe am berühmten Krankenhaus in Stanford.“ Ich schüttelte die Hand des Glatzkopfes. „Ist mir eine Ehre, schon viel von ihnen gehört“, log ich geübt.
„Wir sind gerade dabei, die Geburtsvorbereitungen genauestens zu planen“, fuhr Adi fort. „Du weißt ja, wir erwarten in 3 Monaten unser erstes Kind.“
„Habe ich gehört. Die ganze Stadt spricht von nichts anderem mehr“, scherzte ich. „Wie geht’s denn den Geburtsvorbereitungen? Schon alles klar mit den Atem- und Presstechniken?“
„Papperlappap! Nix Atem- und Presstechniken“, prustete Adi hervor, mich dabei mitleidig ansehend. „Dr. Rosenberg und ich gehen gerade die Dekoration und Sitzverteilung durch.“
Obwohl Adi mir durchaus bekannte deutsche Worte verwandte, verstand ich genau - nichts. Man musste es mir am getrübten Blick angesehen habe, denn Adi fügte sogleich erklärend hinzu: „Die Dekoration und die Sitzplanverteilung für die Geburt im Theatersaal.“ Er nickte, zufrieden mit seinen Ausführungen und erwartete offensichtlich, dass ich, nun restlos aufgeklärt, kluge Kommentare beisteuern würde.
Meine nach unten gefallene Kinnlade und der starre Blick schienen Adi verraten zu haben, dass er einen absolut Ahnungslosen vor sich hatte. Er seufzte tief und erbarmte sich meiner.
„Scheinbar bist du nicht ganz auf der Höhe der Zeit, mein Lieber“, begann er gnädig. „Die vorsintflutlichen Zeiten, als werdende Väter sich erst das Recht erkämpfen mussten, im Kreißsaal bei der Geburt dabei sein zu können, sind Gott sei Dank vorbei. Es war ein langer Kampf, den unsere Vorväter führen mussten, um bei der Geburt ihrer Söhne dabei sein zu dürfen.“ Adi redete sich schwungvoll in Rage.
„Und was ist mit den Töchtern? Da wollen sie nicht dabei sein?“ Er aber ignorierte meinen Kommentar und setzte seine Rede fort.
„Weißt du, zuerst sollte ja ganz neutümlich nur ich dabei sein. So ganz klassikant, ich, der werdende Vater, das zarte Händchen seiner Gattin haltend, um sie zu unterstützen. Eingeplant war auch, dass ich dann ohnmächtig umfallen und die ganze Fürsorge selbst brauchen würde.“ Er kicherte vergnügt.
„Dann aber rief ihre Mutter an und deponierte den Wunsch, die Geburt ihres ersten Enkelkindes live miterleben zu dürfen. Meine Beste wurde schwach, immerhin brauchten wir ihre Mutter als zukünftigen Babysitter, wenn wir mal abends in den Travestieclub gehen wollten. Kaum hatte meine Mutter von der Einladung gehört, gab’s ein Mordstrara, weil wir sie nicht gefragt hatten. Also luden wir auch sie ein. Meine Mutter sagte aber nur unter der Bedingung zu, dass wir ihre beste Freundin auch mit einladen würden. So kamen langsam immer mehr Verwandte und Bekannte hinzu. Geschwister, Cousins und mein entfernt verwandter Stiefzwilling. Ebenso kommen mein Chef, Arbeitskollegen, frühere Schulkollegen, der Briefträger, alle Mitglieder des Gesangsvereins, Abgeordnete der Gemeindeverwaltung, und auch ein paar Eichhörnchen aus unserem Garten haben sich angesagt.“
Er verschnaufte. Ich war baff. Dr. Rosenberg grunzte zufrieden. Die Aussicht, seine ärztliche Kunst vor derart großem Publikum zu zeigen, behagte ihm offensichtlich.
„Du siehst also, wir brauchen einen größeren Saal. Die Kreißsäle in Stanford fassen jeweils nur lächerliche siebzehn Besucher. Somit haben wir umdisponiert und die San Francisco Oper angemietet.“
Ich erschrak. „Ist denn das nicht furchtbar kostspielig? Der große Saal, die vielen Logen und viel zu wenig Damentoiletten?“
„Hehe, ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen. Wir verkaufen selbstverständlich Eintrittskarten zu zehn Dollar das Stück.“ Er klopfte bei den letzten Worten auf seine Brusttasche, unter der sich deutlich gewölbt die Umrisse einer prallgefüllten Geldbörse abzeichneten.
„Und das ist noch nicht alles. Mit Dr. Rosenberg besprach ich soeben die Inszenierung, um den passenden Rahmen zu liefern. Meine Frau und ich wollen der Szene einen intimen Charakter verleihen und haben uns dabei für die Kulissen aus «Der Barbier von Sevilla» entschieden. Kleine Häuschen, romantische Dorfbrunnen und mittendrin wird unser Sohn geboren. Sein erster Schrei wird auf den Brettern, die die Welt bedeuten erklingen und das Opernhaus erfüllen!“ Adi wischte sich die Glückstränen aus den Augen, Dr. Rosenberg schluchzte hingerissen an seiner Schulter.
Adi erhob sich, drückte mir zum Abschied eine tränennasse Eintrittskarte in die Hand und verließ gemeinsam mit Dr. Rosenberg das Café. Ich sah ihm nach, wie er auf der Straße weitere Karten an Passanten verkaufte.
Adis Geschäftssinn war unschlagbar. Beim nächsten Mal wird er wohl die San Francisco 49ers anrufen und deren Footballstadion anmieten. Das Geschäftsmodell ließe sich auch leicht erweitern. Er könnte ja bereits bei der Empfängnis alle zusehen lassen: „The making of…!“
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